Bitcoin im Würgegriff: Die Geschichte hinter Bitcoins Beziehung zu institutionellem Geld

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Institutionelle Investoren erschließen sich die Krypto-Welt | © Depositphotos
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Erst kürzlich haben die Entwicklungen um geplante Bitcoin-ETFs wieder hohe Wellen geschlagen. Ein guter Anlass, um auf die wechselvolle Geschichte von Bitcoins Beziehung zu den Finanzmärkten zurückzublicken. Wie kam es dazu, dass einflussreiche Personen heute die ursprüngliche Anti-Banken-Währung mit großen Mühen in ein Finanzinstrument der Wall Street wandeln wollen? Wie kam das institutionelle Geld zum Bitcoin? Und bringt institutionelles Geld den Bitcoin in Gefahr?

Wie den meisten begeisterten Kryptoanhängern bekannt sein dürfte, begann die Geschichte der ersten Digitalwährung mit der Veröffentlichung des Bitcoin-Whitepapers im Oktober 2008 durch die anonyme Person oder Gruppe, die sich selbst selbst Satoshi Nakamoto nannte und deren Identität bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist.

Bescheidene Anfänge

Es war die Zeit der Finanzkrise die erst einen Monat zuvor durch die Insolvenz der großen Investmentbank Lehmann Brothers eingeläutet worden war. Alle Welt blickte auf die Finanzmärkte, doch das spektakuläre Experiment einer dezentralen, von keinem Staat kontrollierten und für jeden zugänglichen digitalen Währung blieb weitgehend unbeachtet – und von Wallstreet-Spekulanten weitgehend unangetastet.

Heimlich still und leise schürfte Satoshi am 3. Januar 2009 den ersten Block. Es sollte noch über ein Jahr dauern, bis der Bitcoin zum ersten Mal als Zahlungsmittel verwendet wurde. Am 22. Mai 2010 wurden 10.000 Bitcoins für zwei Pizzen ausgegeben.

Zum Zeitpunkt des „Bitcoin-Pizza-Tages“ konnte von einem weltweiten Bitcoin-Markt kaum eine Rede sein. Allerdings gab es schon eine erste Exchange mit dem Namen BitcoinMarked.com. Im Juli 2010 sollte dann eine bis heute berühmte und berüchtigte Börse ins Bitcoin-Geschäft einsteigen: Mt. Gox.

Erste Investoren erkennen Bitcoins Potential

Erst im Jahr 2011 kam es dann erstmals zu nennenswerten Investitionen: Roger Ver, heute vor allem bekannt als eingefleischter Verfechter von Bitcoin Cash (BCH), kaufte sich Anfang des Jahres eine große Menge des (ursprünglichen) Bitcoin (BTC). In Dezember 2011 sicherte er sich dann 15% der Anteile des Startups BitInstant, gegründet von Charlie Shrem. Der Preis hatte im Sommer dieses Jahres seine erste kleine Blase erlebt, als der Wert für einen BTC kurzzeitig auf $30 stieg.

Bis auf die Gründung des heutigen Börsen-Gigants Coinbase, war das Jahr 2012 relativ ereignisarm.

2013 traten dann die Winklevoss-Zwillinge auf den Plan. Die beiden Brüder, zuvor bekannt als Social-Network-Pioniere und olympische Ruderer, hatten im Vorjahr eine Investment-Firma gegründet und brachten nun Wirbel in die Bitcoin-Wirtschaft. Sie machten damals schon einen erfolglosen Antrag bei der US-Finanzaufsichtsbehörde SEC auf die Einführung eines Bitcoin-ETFs.

Im April gaben sie bekannt, Bitcoin im Wert von elf Millionen Dollar erworben zu haben. Weitere 1,5 Millionen investierten sie in BitInstant. Im Gegensatz zum Bitcoin-Erwerb, war diese Investition weniger von Erfolg gekrönt, wie sich herausstellen sollte. Doch auch andere Investoren wurden langsam auf das Digitalgeld aufmerksam. Etwa PayPal-Mitgründer Peter Thiel, der sich an einer zwei Millionen Dollar Investitionsrunde für den Zahlungsverarbeiter BitPay beteiligte.

2013 erlebten Coin-Investoren gleich zwei Spekulationsblasen, die auch durch das gestiegene Interesse der Medien angeheizt wurden. Erst kletterte der Preis im April auf 260 Dollar und fiel dann um über 80 Prozent auf 40 Dollar. Doch dieser Sturz sollte schon bald wieder vergessen sein, denn schon im November wurde erstmals die magische 1000 Dollar-Marke überschritten. Aber die Freude währte nicht lange und der darauf folgende Bärenmarkt sollte der längste in Bitcoins bisheriger Geschichte werden.

Regulatoren greifen ein, Die Spreu trennt sich vom Weizen

2014 wurde Bitcoins Erfolgsgeschichte durch eine Reihe herber Rückschläge gedämpft. Die damals größte Krypto-Börse Mt. Gox musste im Februar Konkurs anmelden, nachdem hunderttausende Bitcoins von der Exchange gestohlen worden waren. Bereits zuvor stand Mt. Gox wegen technischer Mängel in der Kritik.

Auch die amerikanischen Behörden griffen nun hart durch. Nachdem das FBI schon im Vorjahr den auf Bitcoin basierenden Darknet-Handelsplatz Silk Road dicht gemacht hatte, wurde nun auch BitInstant-Gründer Charlie Shrem wegen Verbindungen zu dem Schwarzmarkt verhaftet und die Webseite seiner Firma ging vom Netz.

Auch die Gesetze wurden nun strikter in den USA. In New York schuf der Superintendent für Finanzdienstleistungen, Benjamin Lawsky, ein Gesetz, dass Krypto-Unternehmen zum Erwerb einer sogenannten BitLicense zwang, wenn sie weiter in der Finanzmetropole Geschäfte machen wollten.

Mit den Behörden kooperieren oder abwandern?

Viele Krypto-Unternehmen regierten ablehnend auf die in ihren Augen unverhältnismäßigen Forderungen der Behörden. Zum Beispiel verließ die Exchange Kraken bei Inkrafttreten der BitLicense-Pflicht lieber New York, als sich den Forderungen der Behörden zu beugen. Andere Firmen wollten sich die Vorteile des Standorts nicht entgehen lassen und besorgten sich schließlich die Lizenz, darunter die Exchange Coinbase, die Firma für Peer-to-Peer Finanzdienstleistungen Circle und Ripple Labs, das Unternehmen hinter dem Zahlungs-Protokoll Ripple.

Es zeigte sich ein bis heute in der Krypto-Welt vorherrschendes Spannungsverhältnis: Einerseits will man sich nicht durch Regulierungen einschränken lassen. Andererseits muss Klarheit über die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit „seriöse“ Geldgeber eine Investition in Erwägung ziehen.

Der Fall der Silkroad hatte gezeigt, dass eine völlige Missachtung staatlicher Regeln aussichtslos war und so arbeiteten führende Köpfe der Bitcoin-Ökonomie lieber daran, Bitcoin in der alten Finanzwirtschaft attraktiv zu machen, statt diese direkt zu ersetzen.

Mehr Investitionen, mehr Blockchain-Projekte, mehr Coins

Im Laufe der Jahre strömte mehr und mehr Risikokapital in Blockchain-Startups. Waren es 2013 noch 96 Millionen Dollar konnten 2015 schon 490 Millionen erhoben werden.

Unternehmen begannen außerdem, unabhängig von Bitcoin die Blockchain-Technologie voranzutreiben, man denke an Hyperledger, ein Open-Source-Projekt, betrieben von der Linux-Foundation und Firmen wie IBM und Airbus.

Auch mehr und mehr Altcoins entstanden, also alternative Kryptowährungen wie Litecoin (LTC) und Monero (XMR). Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass die Bitcoin-Dominanz bis März 2017 fast durchgängig über 80% lag. Die Marktkapitalisierung aller anderen Coins zusammengerechnet machte also kaum ein Viertel der des Bitcoins aus.

Nicht zu vergessen ist der Siegeszug der Initial Coin Offerings (ICO) im Jahr 2017. Durch diese neue Art, Geld für ein Krypto-Projekt einzusammeln, wurde bis Ende des letzten Jahres 5,68 Milliarden Dollar eingesammelt, fast dreimal so viel, wie alle Risikokapitalgeber zusammen bis dahin in die Branche investiert hatten.

Blockstream, Bitmain und Bitfury

Wer von Bitcoin als dem dezentralen Peer-to-Peer Coin spricht, muss dabei ein Auge schließen und die Finger hinterm Rücken kreuzen. Denn von Dezentralität kann man beim Bitcoin eigentlich nur sprechen, wenn man ihn mit Nationalwährungen wie etwa dem Dollar vergleicht. Auch im Bitcoin-Netzwerk haben sich mittlerweile, nun ja, gewisse Monopole ausgebildet.

Blockstream beherbergt und finanziert eine große Anzahl der Bitcoin-Entwickler. Bitmain und Bitfury teilen sich den Markt für die Produktion von Mining-Geräten auf. Nun könnte man einwenden, dass gegen solche Monopole doch nicht viel einzuwenden sei, solange sie eben für und nicht gegen das Netzwerk arbeiten. Kritiker sind sich allerdings sicher, dass das Netzwerk durch die drei Giganten längst untergraben wird.

Besonders kritisch wird die lange Liste von Investoren gesehen, die Blockstream und damit die Arbeit der Bitcoin-Entwickler am Leben halten: AME Cloud Ventures, AXA Strategic Ventures, Blockchain Capital, Digital Currency Group, Digital Garage, FuturePerfect Ventures, Horizons Ventures, Innovation Endeavors, Khosla Ventures, Mosaic Ventures, Real Ventures, Reid Hoffman und Seven Seas Venture Partners. Darunter auch Firmen, die von ehemaligen Investment-Bankern geführt werden.

Wenn auch noch eine private Firma, hat Bitmain bereits seinen IPO (Börsengang) angekündigt. Kritiker befürchten hier einen Aufkauf des weltweit größten Mining-Hardware-Herstellers durch Großkapitalgeber. Die Gefahr bestünde vor allem darin, dass Leute in der Sphäre Einfluss gewinnen, die ein inhärentes Interesse daran besitzen, das Bitcoin-Netzwerk zu zersetzen. Ob die Unkenrufe zutreffen oder nicht – Fakt ist, dass Satoshis Vision war, eine Digitalwährung zu schaffen, die komplett “trustless” ist. Dieser entscheidende Faktor schwindet mit einer wachsenden Zentralisierung.

Bitcoin-Futures: Wirklich zukunftsweisend?

Auch von anderer Seite schleicht sich institutionelles Geld in die Bitcoin-Sphäre. Ein etabliertes Finanzinstrument, das im Dezember 2017 für den Bitcoin gewonnen wurde, war der Future, zu deutsch Terminkontrakt. Dieser ist nichts futuristisches, wie einem der Name vielleicht fälschlicherweise nahe legen könnte, sondern besteht tatsächlich schon seit Jahrhunderten.

Sein Ursprung liegt in der Landwirtschaft: Bauern handelten schon vor der Ernte mit Händlern Preise für ihre Erzeugnisse aus. Damit waren beide Seiten gegen Preisschwankungen geschützt und konnten sicher planen. Unabhängig davon, wie ertragreich die Ernte dann wurde, musste der Händler dem Bauern den vorher ausgehandelten Fixpreis zahlen. Heute gibt es an etablierten Handelsplätzen Futures für alle möglichen Waren und Rohstoffe.

Man kann sie bis heute zur Absicherung seiner Investitionen verwenden, allerdings sind sie auch bei Zockern beliebt. Denn mit einem Hebel können schon mit einem kleinen Einsatz große Gewinne erzielt werden. Allerdings kann man auf der anderen Seite auch Geld verlieren.

Eine weitere Eigenschaft von Terminkontrakten liegt darin, dass man nicht nur von steigenden Preisen profitieren kann. Mit einer sogenannten Short-Position kann man auch durch den Einbruch der Kurse Gewinne machen.

Die Bitcoin-Futures, zuerst eingeführt von der Chicagoer Börse CBOE am 10. Dezember 2017, sind in der Krypto-Gemeinde umstritten. Manche werfen ihnen vor, an dem Platzen der Blase, wenige Tage nach Aufnahme des Handels, schuld zu sein. Zu viele hätten dieses neue Instrument genutzt, um auf fallende Preise zu spekulieren.

Die CME Group, der zweite Handelsplatz für Bitcoin-Futures, eröffnete seine Kontrakte nur eine Woche später, am 17. Dezember und verzeichnet seit Anfang dieses Jahres eine deutlich gesteigerte Nutzung. Vor wenigen Tagen konnte sogar erstmals ein höheres Tradingvolumen als auf der Exchange Coinbase Pro erzielt werden.

Aber auch CBOE ist nicht untätig. Erst an diesem Donnerstag wurde bekannt, dass die Exchange auch für Ether, die von der Marktkapitalisierung her zweitgrößte Kryptowährung, Futures in Planung hat. Die Zustimmung der Aufsichtsbehörde CFTS steht allerdings noch aus.

Der Bitcoin-ETF: Nur noch eine Frage der Zeit?

Eine weitere Anlageform, die institutionelle Investoren zum Bitcoin locken soll, ist der ETF, der börsengehandelte Fonds. Ein solcher bildet in der Regel einen Index nach, z.B. den Dax. Steigt der Deutsche Aktienindex, werden auch die entsprechenden ETF-Anteile wertvoller. Fällt er, verlieren auch sie an Wert. ETFs erfreuen sich deshalb hoher Beliebtheit, weil sie Interessenten einen einfachen Einstieg in ein von Experten diversifiziertes Portfolio ermöglichen.

Somit kann ein Anleger von guten Aktienkursen profitieren, ohne die Unternehmensanteile direkt in seinem Besitz haben zu müssen. Auch kann er sich im Vergleich zu einem aktiv verwalteten Fonds viele Kosten sparen, da der ETF in aller Regel passiv geführt wird und Gebühren für einen Fonds-Verwalter entsprechend nicht anfallen.

Überträgt man diese Idee auf den Bitcoin, könnten damit Investoren an den Wertsteigerungen der Kryptowährung teilhaben ohne sie „physisch“ zu besitzen – i.e. ohne sich um die Aufbewahrung der Zugangsschlüssel zu kümmern. Sie würden einfach Anteile des ETF an einem etablierten Handelsplatz erwerben und müssten sich um technische Fragen bezüglich Wallets und dergleichen keine Gedanken machen. Natürlich sind damit aber auch die Eigenschaften der Dezentralität und der Unabhängigkeit von Mittelsmännern, die Bitcoin überhaupt erst besonders machen, nicht mehr gegeben.

Wie bereits erwähnt, wollten die Winklevoss-Brüder schon 2013 einen Bitcoin-ETF auf den Markt bringen. Doch nachdem der Antrag mehrmals überarbeitet worden war und die Entscheidung der SEC sich bis März 2017 verzögert hatte, erfolgte schließlich doch eine Ablehnung durch die Aufsichtsbehörde.

Die milliardenschweren Zwillinge und bezeichnenderweise Gründer der Exchange Gemini (lateinisch für Zwillinge), wollten sich damit nicht abfinden und reichten eine Petition ein. Die SEC erwog den Fall dann auch tatsächlich erneut, kam allerdings in diesem Sommer wieder zum selben Ergebnis und lehnten den geplanten ETF damit vorerst endgültig ab.

Aktuell befinden sich weitere Anträge von drei verschiedenen Unternehmen in Bearbeitung. Die SEC hatte sie vorerst abgelehnt. Doch dann hatte die SEC-Kommissarin Hester Peirce eine erneute Überprüfung eingeleitet. Sie befürworte einen Bitcoin-ETF, ist in ihrer Behörde damit allerdings in der Minderheit, lautete die Meldung.

Auch wenn all diese Anträge scheitern sollten, wird es wohl immer wieder neue Versuche geben einen Bitcoin-ETF zusammen zu setzen. Über ein gemeinsames Gesuch des Blockchain-Startups SolidX und der Investment Firma VanEck wird die SEC bis zum 30. September entscheiden.

Idealismus oder schnelles Geld?

Unabhängig davon, ob der ETF kommt oder nicht: Bitcoin hat sich von seinem schlechten Ruf, das irrlichtige Zahlungsmittel von Darknet und Drogenhandel zu sein, weitestgehend entfernt und es mit den Futures an die etablierten Handelsplätze geschafft. Wenig spricht dagegen, dass mehr und mehr große Geldgeber das Digitalgeld für sich entdecken werden und mit ihren Investitionen den Preis weiter nach oben treiben.

Es bleibt die Frage offen, ob das im Sinne der Bitcoin-Erfinder ist. Schließlich wollte Satoshi Nakamoto kein spekulatives Finanzinstrument, sondern ein praktisches Zahlungsmittel, eben ein “Peer-to-Peer Electronic Cash System”, bauen.

Werden die Menschen den Bitcoin wirklich noch als Alternative zum bisherigen Finanzsystem sehen, wenn seine Vertreter alles tun, um sich genau diesem anzubiedern? Wie viele wollen wirklich ein dezentrales Geld haben und dieses auch im Alltag konkret nutzen? Und wie viele sehnen sich dagegen die institutionellen Investoren nur herbei, um sich mit ihren Spekulationsgewinnen einen „Lambo“ kaufen zu können?

Letztendlich ist es unfair, die Leute, die für das schnelle Geld in Bitcoin eingestiegen sind, von oben herab zu verurteilen. Denn auch sie haben dazu beigetragen, dass der Bitcoin in der breiten Masse der industriellen Welt ein geflügelter Begriff geworden ist. Die Bitcoin-Münze balanciert auf einer schmalen Mauer, auf der linken Seite steht ein Lambo und auf der rechten Seite ist die Freiheit. Entscheidet selbst.

Wird Bitcoin seinem Gründungsgedanken noch gerecht, wenn er primär als Spekulationsobjekt herhält? Schreib uns deine Gedanken dazu in die Kommentarspalte!

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