Bitmain: Auf dem Weg zur Milliarden-IPO oder in den Abgrund?

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Bitmain will weitere Wurzeln schlagen. | © Depositphotos

Der geplante Börsengang (IPO) der chinesischen Krypto-Mining-Firma Bitmain wird seit Monaten mit Spannung erwartet. Nachrichten von sagenhaften Gewinnen wechselten sich ab mit Negativschlagzeilen über abgesprungene Investoren und einbrechende Absätze. Hat der Milliardenkonzern tatsächlich ernste Probleme oder wird das Bitmain-IPO Geschichte schreiben?

In vielerlei Hinsicht ist Bitmain eine Ausnahmeerscheinung in der Krypto-Industrie. Der Konzern hat sich einen in der Branche unvergleichlich hohen Marktwert von 15 Milliarden Dollar und eine quasi-Monopolstellung im Bezug auf die Produktion von Mining-Hardware erarbeitet. Aus diesem Grund steht die Firma aber auch immer wieder heftig in der Kritik.

Vergangene Kontroversen

Bitmain vertrat in der Bitcoin-Skalierungsdebatte z.B. die Minderheitenposition, dass die Blockgröße zur weiteren Skalierung des Bitcoin angehoben werden sollte. Entsprechend unterstützte der Konzern die umstrittene Hard Fork Bitcoin Cash (BCH) die sich im Sommer 2017 von Bitcoin (BTC) abspaltete (natürlich kann man mit Bitmains Geräten aber weiterhin auch das Original schürfen).

Im April des vergangenen Jahres ereignete sich dann der sogenannte Antbleed-Skandal. Dabei wurde ein Mechanismus in der Software des Antminers entdeckt, mithilfe derer Bitmain die hochspezialisierten Mining-Geräte ferngesteuert hätte abstellen können. Gerade angesichts der Tatsache, dass sich ca. 80% der Hashpower im Bitcoin-Netzwerk aus Hardware speist, die aus dem Hause Bitmain stammt, wurde hier ein signifikantes Risiko für das gesamte Netzwerk deutlich. Theoretisch wäre nämlich eine 51%-Prozent-Attacke denkbar. Bitmain müsste nur seine bereits gelieferten Geräte abschalten und könnte mit den noch nicht verkauften falsche Transaktionen bestätigen.

Die aktuelle Kritik an Bitmain dreht sich aber vor allem um dessen mit Spannung erwarteten Börsengang. Firmenmitgründer Jihan Wu hatte seine Offenheit für einen solchen Schritt Anfang Juni ausgedrückt. Die Hong Kong Stock Exchange gilt dabei als wahrscheinlichster Kandidat für das IPO (Initial Public Offering). Im Gegensatz zu einem ICO (Initial Coin Offering), wird Bitmain also keine Token, sondern Unternehmensanteile ausgeben.

Vor- und Nachteile eines IPO

Das IPO bietet zahlreiche Vorteile, hat aber auch Schattenseiten. Das entsprechende Unternehmen könnte durch den Verkauf seiner Aktien eine beträchtliche Finanzspritze erhalten. Frühen Privatinvestoren wird zudem die Möglichkeit geboten, ihre Anteile gewinnbringend zu verkaufen. Außerdem handelt es sich hierbei natürlich um ein sehr medienwirksames Ereignis, welches die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die frisch gebackene Aktiengesellschaft richtet. Das könnte dem Unternehmen nützlich sein, um seinen Namen weiter zu verbreiten.

Auf der anderen Seite würde Bitmain hierdurch natürlich seinen Status als privates Unternehmen verlieren. Geschäftszahlen müssen offen gelegt werden. Der Vorstand verliert einen Teil seiner Kontrolle und muss den Aktionären nun Rede und Antwort stehen. Die Firma kann zudem anfälliger für feindliche Übernahmen werden. Und das könnte gerade im Hinblick auf die Möglichkeit, das Bitcoin-Netzwerk außer Kraft zu setzen (Antbleeding), katastrophale Folgen haben. Man male sich nur aus, Großbanken würden eine solche Übernahme forcieren und damit dem potenten Wettbewerber Bitcoin das Licht ausknipsen.

Ein IPO ist ein bedeutender Schritt, den nur ein Unternehmen mit einem Wachstum versprechenden Geschäftsmodell gehen sollte. Ein solches schien Bitmain zu sein, doch dann kamen zahlreiche unschöne Informationen ans Licht, die Zweifel an seiner Potenz aufkommen ließen.

Ein eindrucksvolles Unternehmen…

Bitmains Marktanteil unter den Herstellern von ASICs, spezialisierten Mining-Computern, beträgt laut Berechnungen von Bernstein Research 70 bis 80 Prozent. So sind auch die beiden größten Bitcoin-Mining-Pools BTC.com und Antpool Teil des Imperiums.

Aber Bitmain ruht sich auf diesen Geschäftsfeldern nicht aus, sondern investiert auch in andere Zukunftstechnologien wie etwa Künstliche Intelligenz (KI). Sophon, ein spezialisierter Chip der mittels einer KI maschinelles Lernen ermöglichen soll, wird seit Oktober 2017 verkauft. Diese Sparte soll laut Schätzungen von Firmen-Mitgründer Jihan Wu in fünf Jahren ganze 40% der Einkünfte generieren.

Bislang schienen die Gewinne zu sprudeln. Ende Juli drangen über eine anonyme Quelle Geschäftszahlen ans Licht der Öffentlichkeit, nach denen Bitmain im ersten Quartal (Q1) 2018 1,1 Milliarden Dollar Nettogewinn erwirtschaftet haben soll, fast so viel wie im gesamten Vorjahr. Für das gesamte Jahr 2018 wurde der Gewinn vorsichtig auf zwei bis drei Milliarden geschätzt.

Auch die Prä-IPO-Finanzierungsrunden wurden mit der Zeit immer größer. Im September 2017 sollen 50 Millionen, im Juli 2018 dann schon bis zu 400 Millionen US-Dollar eingesammelt worden sein. Spitzeninvestor war in beiden Fällen der US-amerikanische Risikokapitalgeber Sequoia Capital.

Zeitungsente und zu viel Bitcoin Cash gehalten

Anfang August steigerten sich die Berichte über neue Investoren in chinesischen Medien dann aber ins Absurde. Die beiden asiatischen Technologie-Riesen Tencent und SoftBank waren als weitere Geldgeber gehandelt worden, bestritten allerdings beide jegliche Beteiligung an Bitmain. Selbiges galt für die Investment-Firmen Temasek und DST-Global. Die Berichte stellten sich als Zeitungsenten heraus.

Auch Bitmains Sympathie für Bitcoin Cash könnte die Firma teuer zu stehen kommen. Auf Twitter geleakte Dokumente verraten, dass der Mining-Gigant hauptsächlich BCH hält und die Bestände zumindest bis ins erste Quartal 2018 noch erhöht hat. Im gleichen Zeitraum reduzierten sie wohl ihren Bitcoin-Besitz.

Rückblickend betrachtet eine unkluge Entscheidung. Bitmex Research hat errechnet, dass Bitmain wegen des Wertverfalls von BCH seit März über 300 Millionen Dollar ärmer geworden sein dürfte.

Neben dem ungünstigen Kursverlauf hat BCH außerdem den Nachteil, weniger liquide zu sein als BTC. Es wäre also schwieriger, große Mengen an Bitcoin Cash zu verkaufen, ohne den Preis massiv einsacken zu lassen.

Von der Konkurrenz technologisch überholt?

Und wie sieht es bei dem Kerngeschäft mit Mining-Hardware aus? Bitmains wichtigstes Produkt, der Antminer S9 mit 16 Nanometer-Chips, wurde bereits im Dezember 2015 auf den Markt gebracht. Für eine neue und sich fortwährend verbessernde Technologie wie diese, eine lange Zeit. Seitdem scheiterte das Unternehmen mehrfach daran, kleinere und effizientere Chips herzustellen.

Für viele Beobachter hängt diese Stagnation mit dem Weggang von Bitmains ehemaligem Design-Direktor, Yang Zuoxing, zusammen. Dieser hatte 2016 dem Konzern den Rücken gekehrt und einen eigenen Hersteller für Mining-Hardware namens ShenMa gegründet. Yangs neuestes Produkt, der Whatsminer M10, verspricht 30 Prozent effizienter zu sein als Bitmains aktueller Antminer. Ein Versprechen, das allerdings von unabhängigen Kritikern als stark geschönt angesehen wird. Im Bitcoin-Volksmund gilt der Antminer S9 weiterhin als die fortschrittlichste Hardware.

Mit Canaan Inc. und Ebang International Holdings planen außerdem zwei weitere Mining-Firmen ein IPO in Hongkong. Sollten sie damit erfolgreich sein, könnten sie den Marktführer mit frischen Geldmitteln angreifen.

Viele Unklarheiten bleiben

Die Blockchain mag für jedermann Einsicht gewähren, doch Firmen wie Bitmain operieren weiterhin weitgehend geheim. Obwohl wir bereits auf das vierte Quartal des Jahres zusteuern, sind bislang erst die Zahlen von Q1 – wenn auch nur aus anonymer Quelle –  bekannt. Vorstellbar wäre hier nämlich, dass die Zahlen nicht geleakt wurden, sondern dass Bitmain sie bewusst platziert hat, um hohe Zahlen zu suggerieren und damit Investoren anzulocken.

Da sich der Konzern derart bedeckt hält, muss man auf Mutmaßungen und Schätzungen Außenstehender zurückgreifen. Diese scheinen aktuell ein düsteres Bild für Bitmains IPO abzugeben. So äußern sich zum Beispiel populäre Krypto-YouTuber Crypto Daily und Decentralized TV kritisch zu dem IPO.

Unabhängig davon, ob das kommende IPO ein Erfolg wird oder nicht: Wenn Bitmain endlich gezwungen wird, die Karten auf den Tisch zu legen und Einsicht in ihre Finanzen gewährt, würde die Krypto-Gemeinde immerhin in diesem Punkt nicht länger im Dunkeln tappen. Ansonsten ist das IPO allerdings angesichts eines möglichen Einflusses durch Großbanken auf Bitcoin über diesen Umweg äußerst kritisch zu bewerten.

Wie bewertest du das Bitmain IPO, top oder flopp? Schreib uns deine Gedanken in die Kommentarspalte!

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