Interview: Wiener Krypto-Professor über Bitcoin: „Wie damals, als die Dotcom-Blase geplatzt ist“

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Professor Alfred Taudes erforscht Kryptowährungen an der Wirtschaftsuniversität Wien. | ©Youtube: Trending Topics
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Wir haben mit Professor Alfred Taudes von der Wirtschaftsuniversität Wien gesprochen. Er ist dort der wissenschaftliche Leiter des Forschungsinstitut für Kryptoökonomie. Wir sprachen über Anwendungsmöglichkeiten für die Blockchain, die Schwerpunkte seines Instituts, Vor- und Nachteile der Krypto-Standorte Deutschland und Österreich und vieles mehr.

Coin Kurier: Sie sind wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Womit genau beschäftigt sich ihr Institut?

Alfred Taudes: Das Forschungsinstitut hat im Moment zwei Schwerpunkte: Erstens geht es darum, gemeinsam mit der Austrian Development Agency zu erarbeiten, wie die Blockchain-Technologie die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen unterstützen kann. Da gibt es eine Menge Möglichkeiten: Angefangen damit, dass die Supply-Chains transparenter werden, über dezentrale Energiesysteme, bis hin zu der Frage, wie man über Kryptowährungen Anreize für nachhaltiges Verhalten setzen kann. Wir untersuchen in Zusammenarbeit mit Startups, welche Möglichkeiten hier tragfähig sind.

Der zweite Schwerpunkt ist die Token-Ökonomie. Dabei geht es darum, dass man klassische Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften auf dezentrale Systeme anwendet und Anreizsysteme gestaltet. Darüber kann man studieren, welche Token-Designs vernünftig sind und welche nicht.

Coin Kurier: Ende November wurde das Austrian Blockchain Center (ABC), das weltweit größte Blockchain-Kompetenzzentrum, genehmigt. Wie ändert sich Ihre Arbeit dadurch?

Taudes: Die Arbeit verzehnfacht sich. Das Forschungsinstitut wird geleitet von Frau Dr. Shermin Voshmgir, die sie vielleicht als Gründerin des BlockchainHub in Berlin kennen. Und nachdem das Forschungsinstitut allmählich zu laufen begonnen hatte, hab ich mich überreden lassen, das Austrian Blockchain Center zu gründen.

Das ABC ist ein sogenanntes COMET-Zentrum. Die COMET-Zentren sind in Österreich das Flagship-Programm der anwendungsorientierten Forschung. Dabei bekommen wir auf vier plus vier Jahre für jeden Euro, den wir durch Firmenpartner erhalten, einen weiteren von der öffentlichen Hand.

Mitglieder des Zentrums im akademischen Bereich sind z.B. die Technischen Universitäten von Wien und Graz und das AIT (Austrian Institute Of Technology). Auch die Juristen sowohl von der Wirtschaftsuniversität, als auch von der Universität Wien sind dabei.

Die Wissenschaftler sind in fünf Areale unterteilt und es gibt mehr als 60 Partnerunternehmen und 16 assoziierte Organisationen. Zu letzteren gehören die Nationalbank, die Finanzmarktaufsicht, die E-Control (die Aufsichtsbehörde im Energiebereich) und das Ministerium für Digitalisierung und Wirtschaft.

Dann haben wir noch elf universitäre Partner in Europa, z.B. die Universitäten Kassel, Zürich und Nikosia. In Nikosia haben sie im Moment das beste Fernstudium, ein Masterprogramm über Kryptowährungen. Wir wollen ein europäisches Netzwerk schaffen, um die neue Technologie nach vorne zu bringen.

Coin Kurier: Seit der letzten großen Krypto-Blase ist nun schon über ein Jahr vergangen. Ist das Interesse an Ihrer Arbeit ebenso wie die Preise zurückgegangen?

Taudes: Ganz im Gegenteil, das ernsthafte Interesse ist gestiegen. Wir sind im Moment in einer ähnlichen Zeit wie damals, als die Dotcom-Blase geplatzt ist. Da sind auch erst nach Platzen der Blase Firmen wie Google und Facebook entstanden, die wirklich vernünftige Anwendungen hatten. Jetzt beim „Neuen Internet“ ist das genauso. Das Interesse der Startups an ernsthaften Applikationen ist am Steigen.

Ich bin persönlich sehr froh, dass dieses weiße Rauschen der Spekulanten bei vielen dieser Veranstaltungen vorbei ist. Das ist bei solchen Dingen ein ganz normaler Prozess. Die Zukunft hat erst begonnen und der Markt hat Zukunft.

Coin Kurier: Sie haben einmal die Blockchain als „letzte[n] Schritt zum Ende des Nationalstaats“ bezeichnet. Glauben Sie, die Welt danach wird eher zentralisierter oder dezentralisierter?

Taudes: Das ist eine schwierige Frage. Aber wenn Sie sich mal die Vermögensverteilung von Bitcoin anschauen, dann ist die bei weitem nicht dezentralisiert. Mein Statement meinte eigentlich folgendes: Wenn man sich einen Staat rein aus Sicht der Informationstechnologie betrachtet, dann besteht er aus Registern, z.B. darüber, wer die Staatsbürgerschaft besitzt, und er macht das Geld. Und die Blockchain macht beides ohne Staat und bietet somit ein Gegenmodell.

Aber natürlich macht der Staat auch noch viel mehr und es gibt Bruchlinien mit der neuen Technologie, die Regulierungen nötig machen. Mein markiges Statement sollte ausdrücken, dass Blockchains eigentlich bisherige Kernkompetenzen des Staates übernehmen könnten.

Weil beispielsweise Venezuela nicht mehr in der Lage ist, seine Staatsfunktionen zu erfüllen und keine funktionierende Nationalwährung mehr hat, wurde das Land zu einem Hotspot für Krypowährungen. Wenn Staaten nicht mehr funktionieren greifen die Menschen auf alternative Mechanismen zurück. Aktuell sind das Kryptowährungen und irgendwann einmal wahrscheinlich auch andere Register.

Coin Kurier: Glauben Sie, dass es international einheitliche Regulierungen geben wird?

Taudes: Naja im Moment gibt es ja einen Regulierungswettbewerb. Die Startups gehen in die Länder, wo die Regulierungen am transparentesten und am freundlichsten sind. Es wird wohl auf längere Sicht keine Vereinheitlichung geben, da auch die Rechtssysteme ziemlich unterschiedlich sind.

Aktuell tun sich natürlich kleinere Länder leichter, gute Regulierungen zu machen. In Malta gibt es anscheinend einen vernünftigen Minister, der das ganze durchblickt hat. Größere Länder tun sich schwerer. Es gibt aber auch dort ein großes Interesse an guten Regulierungen, weil diese auch ein Standortfaktor sind. Ich glaube, irgendwann werden die Regulierungen einander ähnlicher werden, aber jetzt noch nicht.

In Wirklichkeit gibt es ein paar einfache Regeln für eine kryptofreundliche Reglementierung: Man braucht z.B. ein klares Schema, welche Tokens genehmigungspflichtig sind und welche nicht. Um das umzusetzen, braucht man einen Finanzminister oder eine Finanzmarktaufsicht, die irgendwie bereit sind, sich mit diesen neuen Technologien zu beschäftigen und die die Einstellung haben: „Fördern und nicht töten.“ Dann funktioniert das schon.

Coin Kurier: Was glauben Sie, welche Branchen werden durch die Blockchain am meisten umgestaltet werden?

Taudes: Soweit ich das in meinem lokalen Netzwerk sehen kann, sind das in erster Linie natürlich die Banken. Auch die Energiewirtschaft ist hier sehr aktiv. Es gibt aber auch ein paar vielleicht eher ungewöhnliche Dinge, z.B. der Wissenschaftsbetrieb. Da gibt es ein paar etablierte Verlage, die sehr hohe Gewinnmargen haben und das ganze System funktioniert sehr intransparent. Dagegen gibt es einige Initiativen auf Blockchain-Basis. Wir werden in Zukunft auch unsere Ergebnisse und Forschungsdaten transparent auf der Blockchain publizieren. Dann sind sie auch nicht mehr manipulierbar, z.B. durch irgendwelche staatlichen Institutionen. Mir persönlich gefallen auch die Alternativen zu den zentralen Systemen im Silicon Valley wie Steemit oder Brave. Ob die sich durchsetzen werden ist natürlich eine andere Geschichte, aber sie zeigen, dass Blockchain sehr viel mehr ist als Kryptowährungen.

Auch die ICOs haben gezeigt, was man mit Blockchains machen kann. Das Problem ist, dass es dadurch zum Zusammenstoß mit dem normalen Rechtssystem kam. Und wie üblich bei solchen Blasen werden leider auch Projekte finanziert, die betrügerisch oder Mist sind.

Ein wichtiger Punkt für Entwickler ist eigentlich folgender: Wann immer du etwas entwickeln möchtest, begibst du dich in die Abhängigkeit der Großen oder machst du was Eigenes? Und die jungen guten Entwickler wählen gerne das Eigene. Ich sehe hier bei 200 Studenten der WU Wien im Students Chapter des Forschungsinstituts, für die ist die Antwort klar.

Und wir versuchen auch für Europa eine eigenständige Gemeinschaft aufzubauen. Die großen Plattformen sind bislang in Amerika und Asien. Wenn Europa nicht weiterhin eine digitale Kolonie sein möchte, setzt Europa auf die Blockchain.

Coin Kurier: Glauben Sie Europa ist ein vergleichsweise guter Standort für die Blockchain?

Taudes: Wir haben einen großen Vorteil und zwar unser strenges Datenschutzrecht. Und auf der Blockchain kann man wirklich vernünftige Privatsphäre-Applikationen aufbauen. Aber natürlich gibt es auch Standort-Nachteile, die dazu geführt haben, dass wir in der jetzigen Plattform-Ökonomie schwach sind, und diese existieren weiterhin: Wir haben keinen digitalen Binnenmarkt, sehr konservative Gesetze und und und. Andererseits bemerke ich auch in meinem Umfeld, dass das Interesse, Startups zu fördern, gestiegen ist. Die Tatsache, dass so viele Unternehmen beim Blockchain Center mitmachen, macht mich mutig.

Coin Kurier: Wie sehen Sie die Kryptoökonomie in Deutschland und Österreich im Vergleich zueinander?

Taudes: Also die Berliner Startups sind schon super. Z.B. Ocean Protocol oder Gnosis sind einfach super Firmen. Ich habe allerdings das Gefühl, es hakt in Deutschland daran, dass die Regulierung und die klassischen Unternehmen konservativer sind und die Basis-Infrastrukur (Mobilfunknetz etc.) schlechter ist.

In Österreich dagegen haben z.B. die Stadt Wien und die österreichische Kontrollbank bereits früh Blockchain-Prototypen entwickelt. In Deutschland gibt es eher den Hang zum Perfektionismus, während der Österreicher auch ganz gerne schlampig ist. Bei neuen Technologien kann man die Sachen einfach nicht sofort perfekt machen, sondern muss ausprobieren und da sind die Österreicher einfach lockerer. Außerdem hat Österreich den Vorteil, dass es viel kleiner ist und sich die Akteure dadurch besser kennen. Die Blockchain ist ja eine Netzwerktechnologie, bei der man alleine nichts erreicht, sondern immer Partner braucht, am besten aus ganz verschiedenen Bereichen. Genau das möchte ich durch das Austrian Blockchain Center erreichen: Einen Platz schaffen, wo man solche Partner finden kann.

Coin Kurier: Was sind jetzt die Herausforderungen für das ABC?

Taudes: Wir sind sehr froh, dass wir die Förderung gewonnen haben. Solche Ausschreibungen sind natürlich immer sehr kompetitiv. Und nach vier Jahren müssen wir wieder antreten und wenn wir unsere Ziele nicht erreicht haben, war es das wieder. Und jetzt müssen wir schauen, was wir mit den Mitteln machen.

Das Problem ist ja, es hakt ja nicht nur am Geld. Das Know How ist der wirkliche Faktor an dem es hakt, auch bei den Anwendern. Sie brauchen an den Universitäten Lehrstühle, aber der Know How-Aufbau dauert einfach. Und wenn Sie dann zu viel Geld bekommen, geben Sie es meistens für Blödsinn aus, genau wie bei einem Lotto-Gewinn. Eine Organisation kann auch nur bis zu einer bestimmten Rate wachsen, bis es Chaos gibt. Ich glaube, dass wir gut aufgestellt sind, um in den nächsten vier Jahren ein vernünftiges Programm zu machen. Dann werden wir hoffentlich die Ressourcen haben, um mitspielen zu können.

Coin Kurier: Herr Taudes, vielen Dank für das Gespräch.

Taudes: Gerne.

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